«Allein schaffen sie das nie»
Die Stadt ein Ruinenfeld, die Bevölkerung zerstreut, immer noch aktive IS-Scharfschützen: Mosul steht vor riesigen Herausforderungen. Severiyos Aydin war eben erst da.

Einen Monat nach der Vertreibung der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) aus Mosul steht die irakische Regierung vor riesigen Herausforderungen. Nicht nur muss sie eine Rückkehr der Terrormiliz in die nordirakische Grossstadt verhindern. Sie muss auch das Vertrauen der Einwohner zurückgewinnen und rasch die weitgehend zerstörte Infrastruktur reparieren.

Immer selbst vor Ort
Statt in die Ferien auf Mallorca, fährt er in Krisengebiete: Severyios Aydin, Schweizer mit aramäischen Wurzeln, gründete 2013 das Hilfswerk «Aramaic Relief International». Seither war er unzählige Male im Irak und in Syrien – auch dann, als sich andere Hilfswerke nicht mehr hinwagten. Infos und Spendemöglichkeiten unter aramaicrelief.com
Allein die erste Phase der «Stabilisierung» soll rund 600 Millionen Euro kosten. Die Wiederherstellung der Strom- und Wasserversorgung wird wohl Monate dauern – vom Rest ganz zu schweigen: Nach ersten Schätzungen wurden von den 54 Wohnvierteln der Stadt 15 zerstört und 23 beschädigt.
Und bevor der Wiederaufbau beginnen kann, muss das Militär die letzten versteckten Sprengsätze entschärfen. Zudem liegen noch hunderte Leichen unter den Trümmern, die geborgen werden müssen.

Severiyos Aydin ist eben erst aus Mosul zurückgekehrt. Der 31-Jährige aus dem Kanton Zug erzählt, wie er die kriegsversehrte Stadt erlebte.

Herr Aydin, wie lange waren Sie in Mosul und wieso?
Ich war mit meinem Hilfswerk Aramaic Relief International bis letzte Woche für zehn Tage im Nordirak, unter anderem in Mosul und den umliegenden Ortschaften. Wir haben an zurückgekehrte, notleidende Familien Lebensmittelpakete verteilt und uns ein Bild der humanitären Lage in Mosul und Umgebung gemacht.

Ist die ganze Stadt zerstört?
Wir hatten die Möglichkeit, durch verschiedene Viertel der Stadt zu fahren. Grundsätzlich ist der Osten der Stadt weniger zerstört als der Westen mit der Altstadt, wo kein Stein mehr auf dem anderen liegt. Im Osten der Stadt aber geht das Leben langsam wieder voran, viele Restaurants und Geschäfte sind wieder geöffnet.

Wie gefährlich ist Mosul noch?
Es hat immer noch IS-Scharfschützen und Selbstmordattentäter in Mosul, vor allem in der Altstadt. Es gibt fast täglich Bombenanschläge. Entsprechend hoch ist die Militärpräsenz. Es gibt viele Checkpoints und überall überwachen Soldaten Zufahrten und öffentliche Plätze. Vor der Stadt sind verschiedene Milizen unterwegs, aber in der Stadt halten sich ausschliesslich sunnitische Bewohner und das irakische Militär auf.

Kehren die geflohenen Menschen nach Mosul zurück?
Die vertriebenen Minderheiten, Christen, Jesiden und so weiter, sind noch nicht wieder zurückgekehrt. Das ist auch nicht so einfach: Ihre Häuser sind zerbombt oder abgebrannt. Die ganze Infrastruktur muss wiederhergestellt werden. Allein schaffen sie das nie. Kommt hinzu, dass sie immer noch grosse Angst und Unsicherheit begleiten: Ihre sunnitischen Nachbarn haben sie angegriffen und an den IS verraten. Jetzt trauen sie ihnen ebenso wenig wie der Regierung in Bagdad, die sie 2014 nicht vor dem IS schützte. Anders sieht es bei den sunnitischen Arabern aus: Von ihnen sind bereits viele nach Mosul zurückgekehrt, vor allem nach Ost-Mosul, andere sind immer noch in umliegenden Flüchtlingslagern untergebracht.

Haben Sie Spannungen beobachten können?
Wir bemerkten und spürten immer wieder Spannungen zwischen den verschiedenen Milizen und Gruppen. Meiner Meinung nach gleicht der Nordirak einem riesigen Pulverfass. Es können sich neue Konflikte anbahnen, wir hoffen es nicht. Zudem wird nach der territorialen Eroberung des IS der Kampf gegen die Terrorgruppe weitergehen. Es drohen Anschläge und Blitzoffensiven aus dem Untergrund.

Welches Bild können Sie nicht vergessen?
Der Ausdruck in den Augen eines Bewohners von Mosul, der uns sein zerstörtes Haus zeigte. Schmerz, Leid und Trauer – ein Ausdruck, der mir lange Zeit in Erinnerung bleiben wird.

http://www.20min.ch/ausland/news/story/21482230

 

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